Biografie

Um den römischen Dichter Vergil (bis ins 5. Jhd. n. Chr. auch Virgil) ranken sich zahllose Mythen und Legenden, wenig des in Biographien und Romanen Berichteten darf daher als gesichert gelten. Unbestritten ist lediglich, dass er am 15.10.70 v. Chr. in dem Dorf Andes bei Mantua geboren wurde. Seine Eltern sahen für ihn zunächst eine politische Karriere vor. Als er über Cremona und Mailand nach Rom gelangt war, studierte er jedoch Rhetorik, Medizin und Astronomie, um sich dann intensiv der Philosophie zu widmen.
Mit der Aeneis schuf Vergil in seinen letzten zehn Lebensjahren den Gründungsmythos des römischen Imperiums. Die Handlung ist im 12. Jahrhundert angesiedelt, doch obwohl von längst vergangenen Zeiten die Rede ist, verraten die 10.000 in Hexametern gefassten Verse mehr von der Gegenwart, vom Rom zur Zeit der Entstehung des Epos (ca. 29–19 v. Chr.).
In Gaius Octavius, dem 27 v. Chr. der Ehrenname Augustus (der Erhabene) verliehen wurde, sah Vergil einen Heilsbringer, den es zu preisen gilt. Er verkörpert die Vollendung des langen geschichtlichen Entwicklungsprozesses, von dessen Ursprung die Aeneis berichtet. Diese literarische Glorifizierung des »Reichs ohne Ende« (imperium sine fine) ist nur in ihrem historischen Kontext nachvollziehbar: Unter Augustus’ Herrschaft endete für Rom eine Zeit der Wirren, ein Jahrhundert der Bürgerkriege. Und selbst wenn man in Betracht zieht, dass dieses Ruhmesepos den Charakter eines Auftragswerkes besaß – Vergil schreibt mit der aufrichtigen Euphorie dessen, der an einer historischen Zeitenwende mitwirkt: Eine neue Epoche römischer Geschichte würde beginnen.
Das große Werk blieb allerdings unvollendet. Vergil  brach im Jahre 19 v.Chr. zu einer dreijährigen Reise in den griechischen Osten auf, um das Buch in klassischer Umgebung zu vollenden. Von Augustus, der zur selben Zeit den Osten bereiste, zur Heimkehr überredet, starb er auf der Überfahrt an einem schweren Fieber. Augustus entschied, dass das Fragment entgegen des letzten Willens des Dichters nicht vernichtet werden durfte.